Die Revolution muss warten

„Empört Euch“

– so lautet die Streitschrift von Stéphane Hessel. Empört haben sich die Menschen in Spanien, nachdem die Nordafrikaner Volkbewegungen in Gang gebracht haben.

Seit langem warten ich darauf, dass in Deutschland wieder Menschen aufstehen: für echte Demokratie. Der ostdeutsche Aufbruch von 1989 war mit dem Mauerfall und dem  Anschluss an die Bundesrepublik ein Anfang, der aber leider nie eine ernsthafte Fortsetzung erreicht hat.

Kundgebung auf dem Augustusplatz
Kundgebung auf dem Augustusplatz Leipzig, Okt. 2011

Zugegeben: Mein eigenes Potential mich mit anderen in Bewegung zu setzen  um für oder gegen eine Sache einzutreten, hielt sich bisher doch recht in Grenzen. Ich muss da schon bis in die 90erJahre zurückdenken (Golfkrieg 90, Studentenstreik). Dennoch glaube ich an die Kraft der Massen! Gerade nach 89. Ich will auch mal an einer epochalen Sache beteiligt sein.  Mehrfach dachte ich in den vergangenen Jahren, dass es genug Anlässe gab zu sagen: „Jetzt reicht´s. Wir rücken zusammen und wehren uns. Wir stehen auf für eine gerechtere und demokratischere Gesellschaft“. Alle Anlässe reichten nicht dafür aus um Massen zu mobilisieren.

Irgendwann gab es dann diese „Occupy Wallstreet Bewegung“ und dann  rein zufällig habe ich mitbekommen, dass der 15. Oktober ein Tag sein soll, an dem sich die „Empörten“ weltweit sammeln.  Und sie sammelten sich sogar in Leipzig. Und ich war dabei. Ich hatte Erwartungen und Hoffnung. Ich wollte aber vor allem spüren, ob aus solchen Treffen eine Dynamik entstehen könnte, die auch für Deutschland relevant ist. Ist nun schon „Zeit, dass sich was dreht“, so wie es Grönemeyer 2006 besungen hatte. Anlässe gäbe es genug, aber ich komme zum Fazit, dass die Zeit noch nicht reif ist.  Hier meine Gründe:

  1. Es waren nach meinen Beobachtungen vor allem Menschen, die sich eh schon immer für oder gegen etwas engagieren und ihr Lieblingsthema präsentieren:  In Leipzig hießen die üblichen Verdächtigen: Atomkraftgegner, Globalisierungsgegner, Rüstungsgegner, Grundeinkommensbefürworter, Krishna-ist-cool-finder. Trotz wohlwollender Berichterstattung der Medien über die Demonstrationen und Aktionen in Deutschland, gibt es noch kein ausreichendes Mobilisierungspotenzial, das durch alle Gesellschaftsbereiche geht.
  2. Der Wutbürger von Typ Stuttgart war eher nicht anwesend. Ich meine damit Menschen, die an sich lieb und nett sind und nie auf die Idee kämen auf eine Demo zu gehen, bis zu diesem Ereignis… dem Ereignis, dass das persönliche Fass zum überlaufen bringt. Genau, woran macht die Wut sich eigentlich fest? An den Banken? Es reicht nicht, die Banken als Wutobjekt auszumachen. Es ist unglaublich opportun gegen Banken und die Politik zu sein, aber solange es meine eigene kleine private Welt nicht beeinflusst. Wir wollen schimpfen gegen die Banken und gegen die Politik, aber wir wollen nichts wirklich verändern bzw. verstecken uns hinter dem „man kann ja eh nichts ändern“. Ich denke, dass die Veränderungssehnsucht für die Menschen schlicht zu gering ist. Wir glauben an die eigene kleine Welt und freuen uns, dass wir nicht zu den Verlierern gehören. Warum sollte ich mich für Demokratie und Gerechtigkeit in unserem Land einsetzen? Für mich wird es schon reichen.
  3. Es reicht auch nicht aus, andere Ideen aus Aussagen zu kopieren. Wenn Plakate hochgehalten werden, mit „wir sind die 99%“ dann mag das Solidarität mit der Occupy Wallstreet Bewegung ausdrücken,  es entfaltet aber keine Kraft für Deutschland, da wir hier andere Verhältnisse haben. Wir müssen unsere Slogans finden, unsere Themen zur Sprache bringen und diese dann durchaus in einen globalen Kontext bringen.

Die Revolution muss also noch warten. Aber vielleicht irre ich mich gewaltig, dann freue ich mich sehr.

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Leistung muss sich wieder lohnen

Guide Westerwelle hat sich geschickt in Szene gesetzt und den freien Fall der Umfragewerte seiner Partei gestoppt. Er schafft es zumindest täglich in den Nachrichtenschlagzeilen zu sein und wird in den Talkshows hoch- und runterdiskutiert. Populismus ist eben oft hilfreicher als solide, an den Realitäten orientierte Politik. Das gute daran ist, dass eine Diskussion in Gang gesetzt wird, wie es mit unseren sozialen Sicherungssystemen weitergehen kann und soll. Wenn es zu dieser Diskussion überhaupt kommt. In den medial zugelassenen 30 Sekunden ist eben oft keine grundlegende Situationsanalyse geschweige denn einen Blick ein positiver, gestaltender Blick in die Zukunft möglich. Guido Westewelle hat seinen Slogan gefunden: „Leistung muss sich wieder lohnen“! Prima Satz, kurz, griffig – da will ihm doch nicht wirklich jemand widersprechen. Und vor allem das sog. „bürgerliche“ Lager nickt ganz kräftig mit. Und von „bürgerlich“ zu „konservativ“ zu „christlich“ ist es ja auch nicht mehr so weit. Und dem bibelfesten konservativen Christen kommt dann auch gleich Paulus und sein „wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“ in den Sinn.

Das Dumme ist, dass nicht alles was konservativ und bürgerlich daher kommt auch gleich christlich oder biblisch sein muss. In der Westerwelle-HartzIV-Debatte wird das für mich deutlich.

Was ist denn eigentlich Leistung?

  • Wenn eine alleinerziehende Mutter drei Kinder großziehen muss?
  • Wenn ein körperlich Behinderter jeden Tag seinen Alltag in einer Welt gestalten muss, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes Steine in den Weg legt?
  • Wenn einem Mann seit 12 Monaten in 100-% Kurzarbeit verbringen muss und sich täglich neu motiviert, nicht den Glauben an sich und seine Möglichkeiten zu verlieren?
  • Wenn es einer gewagt hat, sich selbstständig zu machen und sich seit Jahren am Existenzminimum bewegt?
  • Wenn Menschen bereit sind, sich ehrenamtlich für Kinder und Jugendliche zu engagieren?
  • Wenn ein HartzIV-Empfänger bereits das 7. Bewerbertraining absolviert um zu zeigen, dass er bewerbungs- und arbeitswillig ist?
  • Wenn ein junger Mann ein stattliches Erbe erhalten hat und seine Langeweile auf dem Golfplatz vertreibt?
  • Wenn Menschen Tag für Tag von 8 bis 17 Uhr an ihrem Arbeitsplatz sitzen, obwohl sie innerlich gekündigt haben oder nur Dienst nach Vorschrift machen (was auf die allermeisten zutrifft)?
  • Wenn ein Unternehmen Mitarbeiter entlässt, um den Sharholder-Vaue zu steigern?
  • Wenn man genug Geld hat, um es im Ausland vor dem Finanzamt zu verstecken?

Leistung muss sich wieder lohnen! Genau! Welche Leistung meinen wir? Ja, wir brauchen einen gesellschaftlichen Diskurs darüber und auch darüber, was dann der „Lohn“ der Leistung ist. (Hilft da die Betrachtung der Lebensleistung von Herrn Westerwelle?)

Als Christ möchte ich mich diesen Fragen stellen und will da auch bewusst die Bibel mit zu Rate ziehen.

Was ist denn eigentlich christlich bzw. biblisch?

Was fällt uns zu dieser Thematik in Bezug auf obige Fragen ein? Ich möchte an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen, sondern zur Reflexion und Diskussion anregen. Die aktuelle Diskussion jedenfalls hat mich dazu ermutigt, an meiner theologischen Serie „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“ (bisherige Folgen 1, 2, 3, 4, 5, 6) weiter zu schreiben.

Winter pur

Eigentlich bin ich nicht der Winter-Typ (abgesehen vom Farb-und Stiltyp), aber ich brauche ihn nicht oder nur sehr kurzzeitig für mein ganzheitliches Wohlbefinden. Von der Grundtendenz ist der Winter für mich also eher zu nass und zu kalt. Vor allem DIESER Winter. Ich verstehe aber, dass meine Umwelt davon ganz angetan ist. Und irgendwie ganz tief in mir, finde ich es schön, so einen Winter pur zu haben. Das passt eigentlich zu mir. Wo ich doch das „Reine“ auch sonst so liebe. Z. B. beim Bier, das ich am liebsten unverdünnt genieße. Oder den Kaffee. Kaffee muss schwarz sein, dass weiß ja jeder. Pur eben, sonst ist es ja ein Mich-Mix-Getränk und kein Kaffee. Mittlerweile finde ich sogar einen Zugang zur Milch, dank meines Nachbarn, der so oft auf Reisen ist und wir dadurch in den Genuss seiner echten puren Biomilch kommen.

Mit dem Winter pur bin ich also einverstanden, sofern wir dann auch einen Sommer pur bekommen. Das wäre so meine Bedingung. Ich mag es halt pur – ihr wisst schon.

Noch tiefer in mir entdecke ich aber noch Facetten an mir, die ich gar nicht pur mag. Zum Beispiel die politische Einstellung. Jede Partei in seiner Reinform ist für mich unerträglich. So bin ich also politisch eher ein christ-sozial-liberaler Grüner (oder so was in der Art) und fühle mich natürlich durch keine Partei in seiner Reinform vertreten, weswegen ich auch nicht mehr wählen gehe. Ich will an dieser Stelle nicht schon wieder über die Parteiendemokratie lamentieren, aber wir müssen uns bewusst machen, dass es bis zur nächsten Bundestagswahl nur noch gut drei Jahre sind. Wir müssen also jetzt schauen, dass der Wind sich dreht. Zum Beispiel in Richtung Grundeinkommen. Hartz IV liegt verwundet da. Wie soll es weitergehen? Jetzt ist doch die Chance für das Grundeinkommen. Jetzt muss der Widerstand gegen HartzIV mobilisiert und eine Alternative schmackhaft gemacht werden. Nein, ich glaube, dass unsere Gesellschaft noch nicht reif für ein pures Grundeinkommen ist, aber in die Richtung sollte sich zumindest etwas bewegen.

Es gibt übrigens noch viel mehr, was ich pur nicht mag. Aber alles kann ich in diesen Artikel auch nicht reinpacken. Ich mach´mir erst mal einen Kaffee und schau, was der Winter draußen so treibt.

Wie beten Männer Gott an (2)

Eine Geschichte, die mich sehr berührt hat wurde für mich in den letzten Monaten zu einem Sinnbild dafür wie Männer Gott anbeten können. Sie steht am Ende des Buchs „Der wilde Messias“ von Michael Frost und Alan Hirsch (S. 239 – 242), die ich hier komplett wiedergeben möchte:

„Zwei Männer betreten gemeinsam eine Kneipe…

Zwei Männer in ihren mittleren Jahren treffen sich in einer Kneipe mitten in einem kleinen, unscheinbaren Dorf. Sie schließen sich herzlich in die Arme, ihre harten Hände umschlingen den breiten Rücken des anderen voller Zuneigung. Sie küssen sich zweimal, auf jede Wange. Dann setzen sie sich, um zu essen, zusammengekauert über dem gemeinsamen Tisch wie beim dem Treffen einer Verschwörung. Der Staub auf ihren Gesichtern unterstreicht die Linien um ihre Augen, ihre ergrauten Bärte verraten ihre Jahre. Zwei alte Löwen, Kämpfer, die so manche Schlacht geschlagen haben und immer noch auf ihren Beinen stehen.

Während er sich die Krümel aus dem Bart wischt, sagt der eine mit einem Grinsen: „Du bist aber alt geworden.“ Der andere schaut auf und hebt eine Augenbraue. „Ich meine doch nur“, fährt der Erste fort, „ich habe dich schon lange nicht mehr gesehen und du scheinst älter geworden zu sein in dieser Zeit.“ Erneutes Grinsen. Beide lachen und der erstse Sprecher legt seine Hand auf den Arm seines Freundes. Sein Tonfall wird ernster. „Es sind die vielen Reisen – sie sind so kräftezehrend“, gibt er zu.

„Bei mir ebenso. Und die Enttäuschungen. Ich könnte das Reisen, die schlechten Unterkünfte, die Rückschläge und all das aushalten. Aber diese lähmende Enttäuschung, Kameraden, die sich auf und davon machen, ihre Gruppen verlassen oder unsere Lehren verdrehen – ehrlich – das ist es, was mich fertig macht. Du bist nicht der Erste, der bemerkt, dass mich all das älter macht.“ Er schaut seinen Freund durchdringend an.

„Ja, du siehst sogar sehr alt aus.“ Beide lachen. Stille. Nach einer Weile beginnt der Erste wieder: „Sag mal, Paulus, machen dir die Korinther immer noch Kopfschmerzen? Sind sie der Grund für die grauen Strähnen in deinem Bart?“ „Das ist doch noch gar nichts – Kopfschmerzen und graue Strähnen, Petrus! Hast du nicht gehört? Du willst es gar nicht wissen! Eifersucht, Streit und Spaltungen! Einige haben meine Stellung als Apostel schlichtweg abgelehnt. Sie wollen Leiter, die mehr Gaben vorweisen können als ich sie habe! Ist das zu fassen? Sie verstehen nicht, dass all Weisheit vom Heiligen Geist herkommt. Nach so langer Zeit habe ich es nur mit Babys in Christus zu tun. Und ich will gar nicht anfangen, all ihre Verbrechen aufzuzählen: sexuelle Ausschweifung, sie verklagen sich gegenseitig vor den Richtern, missbrauchen ihre Freiheit und tolerieren, Geschwister, die in Unmoral leben – einfach so. Sie sind stolz auf ihre Geistesgaben, die Gottesdienste sind das reine Chaos – du solltest sie über die Auferstehung reden hören – furchtbar. Und was soll ich dir sagen – sie haben einfach keine Liebe füreinander! Vier! Vier Briefe habe ich ihnen dazu geschrieben und es hat den Anschein, dass alles nur noch schlimmer wird. Ich habe schon darüber nachgedacht, ihnen einfach nicht mehr zu schreiben, um die Diskussion zu beenden. Vielleicht können ja meine Fäuste ihnen das einbläuen, was meine Worte scheinbar nicht vermögen. Hm – du bist bestimmt ein besserer Fautkämpfer, als ich es bin – Lust auf eine Fahrt nach Korinth?“ „Ich bin mir nicht sicher, ob eine Keilerei den Korinthern helfen wird, Kamerad. Obwohl ich mir vorstellen könnte, dich zu begleiten.“ Petrus lächelt aufmunternd.

„Wie geht es der Zellgruppe in Galatien? Hast du was von ihnen gehört?“, fragt Paulus nach einem tiefen Schluck aus seinem Becher. Petrus schüttelt langsam den Kopf. Paulus spricht weiter: „Ihr Glaube war nicht fest genug, um all der Verwirrung standzuhalten, die diese Judenchristen über die Notwendigkeit der Beschneidung verursacht haben. Sie haben dem Evangelium, das ich ihnen gebracht habe, nicht vertraut! Überdies zweifeln sie genau wie die Korinther meine Autorität als Apostel an.“

Und so geht es weiter. Zwei Männer, müde von ihren Reisen, erzählen sich ihre Geschichten, von den neuen Zellgruppen in Kleinasien, Bekehrungen in Europa, Enwicklungen in Griechenland. Am Ende des Abends sagt Paulus: „Petrus, ich bin mir nicht sicher, ob ich dich noch einmal sehen werde…“ „Das sagst du jedes Mal, wenn wir uns treffen.“ „Ich weiß, und darum ist es nicht weniger wahr. Aber nur für den Fall, dass unsere Wege sich nicht mehr kreuzen, kannst du mir noch einmal von ihm erzählen?“ Petrus lächelt traurig: „Oh Paulus – ich habe dir die Geschichten schon hunderttausend Mal erzählt. Du kennst sie inzwischen besser als ich selbst.“

Paulus rutscht auf seinem Stuhl nach vorne und schaut seinen Freund an: „Kamerad, ich wurde geschlagen, verlassen, verraten, bin schiffbrüchig gewesen und für tot gehalten worden. Ich weiß, von keiner Gemeinschaft, die ich gegründet habe, die nicht durch irgendeine Krise geht, egal ob persönlich oder in der Lehre. Ich bin ein alter Mann geworden. Die Revolution ist in vollem Gange, langsam aber sicher kommt sie. Was haben wir nicht schon alles gesehen? Aber es ist manchmal so anstrengend. Ich warte auf den Herrn, wie der Wächter auf das Ende der Nacht wartet. Und weißt du, manchmal frage ich mich, ob aus diesen kleinen Zellgruppen, die wir angefangen haben, jemals die Bewegung werden wird, von der wir träumen. Ja, ich frage mich das. Auch nach allem, was ich gesehen und erlebt habe. Nach allem, was wir gesehen und erlebt haben..“

Er schaut Petrus mit seinen klaren Augen an und sagt nochmals, fast schon flehend: „Erzähle es mir noch einmal.““

Diese Geschichte spiegelt so viel Tiefe des Lebens wider. Egal in welchen geistlichen, beruflichen, persönlichen Herausforderungen wir stecken. Wir brauchen Gefährten mit denen wir uns in einer Tiefe begegnen können und gegenseitig dabei helfen können, uns auf die Person Jesus ausrichten zu können – um immer sagen zu können: Ja, es hat alles einen Sinn!

Wie beten Männer Gott an? (1)

Neulich war ich auf einer Party. Es waren einige Leute da, die ich bis dahin noch nicht kannte. Mit einem Mann kam ich etwas intensiver ins Gespräch – wir haben uns über Musik unterhalten. Wir kamen auf Johnny Cash zu sprechen und er wollte mir unbedingt ein Lied vorspielen – ein Anbetungslied, wie er meinte. Das Lied hieß „Help me“ -wir standen da und lauschten dem Lied und waren beide sehr berührt, wir hätten zusammen losgeheult, wenn wir uns besser gekannt hätten. Wir haben in diesem Moment zusammen Gott in einer sehr tiefen Weise angebetet. Interessanterweise dachte ich (weil es andere dachten), dass der Mann gar nicht mit Gott unterwegs ist. Aber in dieser Begegnung wusste ich, dass er sehr wohl an Gott dran ist.

Ich habe ein sehr großes Bedürfnis mit ihm zusammen mehr und mehr zu entdecken, wie wir als Männer Gott anbeten können. Das ist eine Frage, die mich seit einigen Monaten sehr beschäftigt. Und Erlebnisse wie dieses helfen mir dabei, dem immer mehr nachzuspüren.

 

Nachhaltiges Beten

Meine Work-Life-Balance ist in den letzten Jahren doch ganz schön aus den Fugen geraten. Wenn ich so in mich hineinspüre, merke ich, dass mein geistlicher Tank ziemlich leer ist. Ich habe entschlossen -obwohl mein Leben insgesamt doch sehr turbulent ist – mir im Alltag immer wieder spezielle Phasen der Reflexion und Ruhe zu gönnen. Dazu gehört auch das Ruhegebet nach Cassian. Mehr oder weniger zufällig habe ich einen Kurs zu dieser Gebetswesen entdeckt. Peter Dyckhoff führt in die Gebetsweise ein, die vom Wüstenvater Johannes Cassian (4./5. Jahrhundert) entwickelt wurde.

Inhalt und Ziel dieses Gebets ist es, sich mit ruhiger Herzenshaltung auf Jesus Christus zu besinnen – ein bis zwei Mal pro Tag 20 Minuten. Angesprochen hat mich das bewusste Verzichten auf jegliche Leistung. Ich wiederhole in meinem inneren nur eine „Gebetsformel“ oder ein „Gebetswort“, ohne dass ich mich darauf konzentrieren (Leistung!) müsste. Meine Gedanken dürfen entgleiten und wenn ich es bemerke, dann komme ich einfach wieder darauf zurück und nehme das Gebetswort wieder auf. Da ich gerade beim Beten sehr ablenkbar bin, hat mich das sehr angesprochen. Der Gedanke tritt zwar an die Stelle des Gebetswortes, aber der Gedanke geht auch wieder. Ein Gedanke bleibt nie mehrere Minuten.

Ruhegebet ist nicht Kontemplation (ich gehe von einem Bild zum nächsten) und auch nicht Konzentration (ich fokussiere mich auf einen Punkt).Es ist vielmehr Versenkung und Hingabe.

„Das Gebet ist uninteressant für unseren Intellekt“, sagt Peter Dyckhoff. Es ist zu einfach als dass es unser Denken füttern könnte.

Momentan praktiziere ich das Gebet einmal täglich am frühen Nachmittag. Zwischenfazit: Es tut mir gut. Nicht mehr und nicht weniger. Aber es hat für mich eine große Kraft, mitten am Tag auszusteigen und mich auf diese Art und Weise Gott zu erfahren. Ein bekanntes Zitat von Karl Rahner begleitet mich auch in diesen Tagen: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, jemand, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“

In diesem Sinne möchte ich ein Mystiker sein. Ich will mich einlassen auf Jesus – mitten im Trubel des Alltags. Ob ich das Ruhegebet dauerhaft praktizieren werde weiß ich noch nicht. Dyckhoff  empfiehlt, es schon mal ein bis zwei Jahre zu praktizieren. Durch das Ruhegebet will ich neue, gute Gewohnheiten in mein Leben integrieren. (Deshalb schreibe ich darüber, weil könnt ihr irgendwann mal fragen, ob ich das immer noch so tue. Vor 10 Jahren, als ich mit dem Rauchen aufgehört habe, hatte ich diesen Entschluss auch veröffentlicht – soziale Kontrolle kann manchmal helfen).

Für den Einsteiger gibt es hier mal die Gebetsworte („formula pietatis“), suche dir Dein Gebetswort aus, beachte die 3 Regeln (überziehe deine Gebetszeit nicht auf eine halbe Stunde oder länger, bete nicht nach dem Essen, bete nicht in der Sonne) und werde ein Mystiker. Der mystische Weg besteht aus 3 Schritten (Reinigung, Erleuchtung und Einigung).

Herr Jesus Christus,Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders

Herr Jesus Christus,Sohn Gottes, erbarme dich meiner,

Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich unser

Gott komm mir zur Hilfe, Herr eile mir zu helfen

Herr Jesus Christus erbarme dich meiner

Jesus, Sohn Davids erbarme dich meiner

Herr Jesus, Christus, erbarme dich unser

Jesus Christus erbarme dich meiner

Jesus Christus erbarme dich unser

Herr Jesus Christus, Sohn Gottes,

Jesus, Messias, Sohn Gottes

Jesus Christus, Sohn Gottes

Herr erbarme dich meiner

Mein Gott und mein alles

Herr erbarme dich unser

Dein Wille Geschehe

Herr Jesus Christus

Herr erbarme dich

Komm, Herr Jesus,

Jesus erbarmen

Jesus Christus

Kyrie eleison

Jesus, Liebe

Jesus, Herr

Herr Jesus

Maranatha

Immanuel

Jesus, Du

Christos

Adonai

Jesus

Abba

 

 

Es ist egal

Es waren Wahlen in Thüringen. Ich habe gewählt – ehrlich gesagt widerwillig. Ich habe es getan, weil ich es für eine demokratische Pflicht hielt. Und ich bekam Recht. Nicht wegen der Frage, wer Ministerpräsident werden sollte, das war egal, wenn man genau hinschaut. Ich war bestärkt, weil wir dadurch die Rechten rausgewählt haben. Mittlerweile Frage ich mich, ob das wirklich der Punkt ist. Ist es nicht auch egal, ob wir die Rechten mit 5 oder 6 Prozenten im Parlament sitzen haben oder nicht.

Es ändert nichts an der Logik unserer Demokratie. Nein, jede Wählerstimme legitimiert das derzeitige politsche System. Nur zu wählen um Rechte rauszuhalten, ist mir zu wenig. Wir brauchen eine neue Demokratie, einen neuen gesellschaftlich relevanten Aufbruch. In diese Stimmung fiel mir gestern ein Buch in die Hände: „Die gestohlene Demokratie“ von Gabor Steingart. Ich sagte noch, dass dieses Buch mit dazu bringen wird, nicht mehr zu wählen, das goss eine Freundin, Schweizerin, noch mehr Öl ins Feuer: „ihr habt doch eh eine Schein-Demokratie“. Eine Außenperspektive kann manchmal sehr hilfreich sein.

Demokratie muß mehr sein, als das, was ich momentan erlebe. Ich muss doch mehr Wahl haben als das Auswählen aus einer abgeschotteten politischen Kaste. Möglicherweise wird das die erste Wahl in meiner 22-jährigen Wählerkarriere an der ich bewusst nicht teilnehme – aus Protest – und macht mich bitte nicht dafür verantwortlich, wenn Rechte ins Parlament einziehen.