Die Revolution muss warten

„Empört Euch“

– so lautet die Streitschrift von Stéphane Hessel. Empört haben sich die Menschen in Spanien, nachdem die Nordafrikaner Volkbewegungen in Gang gebracht haben.

Seit langem warten ich darauf, dass in Deutschland wieder Menschen aufstehen: für echte Demokratie. Der ostdeutsche Aufbruch von 1989 war mit dem Mauerfall und dem  Anschluss an die Bundesrepublik ein Anfang, der aber leider nie eine ernsthafte Fortsetzung erreicht hat.

Kundgebung auf dem Augustusplatz
Kundgebung auf dem Augustusplatz Leipzig, Okt. 2011

Zugegeben: Mein eigenes Potential mich mit anderen in Bewegung zu setzen  um für oder gegen eine Sache einzutreten, hielt sich bisher doch recht in Grenzen. Ich muss da schon bis in die 90erJahre zurückdenken (Golfkrieg 90, Studentenstreik). Dennoch glaube ich an die Kraft der Massen! Gerade nach 89. Ich will auch mal an einer epochalen Sache beteiligt sein.  Mehrfach dachte ich in den vergangenen Jahren, dass es genug Anlässe gab zu sagen: „Jetzt reicht´s. Wir rücken zusammen und wehren uns. Wir stehen auf für eine gerechtere und demokratischere Gesellschaft“. Alle Anlässe reichten nicht dafür aus um Massen zu mobilisieren.

Irgendwann gab es dann diese „Occupy Wallstreet Bewegung“ und dann  rein zufällig habe ich mitbekommen, dass der 15. Oktober ein Tag sein soll, an dem sich die „Empörten“ weltweit sammeln.  Und sie sammelten sich sogar in Leipzig. Und ich war dabei. Ich hatte Erwartungen und Hoffnung. Ich wollte aber vor allem spüren, ob aus solchen Treffen eine Dynamik entstehen könnte, die auch für Deutschland relevant ist. Ist nun schon „Zeit, dass sich was dreht“, so wie es Grönemeyer 2006 besungen hatte. Anlässe gäbe es genug, aber ich komme zum Fazit, dass die Zeit noch nicht reif ist.  Hier meine Gründe:

  1. Es waren nach meinen Beobachtungen vor allem Menschen, die sich eh schon immer für oder gegen etwas engagieren und ihr Lieblingsthema präsentieren:  In Leipzig hießen die üblichen Verdächtigen: Atomkraftgegner, Globalisierungsgegner, Rüstungsgegner, Grundeinkommensbefürworter, Krishna-ist-cool-finder. Trotz wohlwollender Berichterstattung der Medien über die Demonstrationen und Aktionen in Deutschland, gibt es noch kein ausreichendes Mobilisierungspotenzial, das durch alle Gesellschaftsbereiche geht.
  2. Der Wutbürger von Typ Stuttgart war eher nicht anwesend. Ich meine damit Menschen, die an sich lieb und nett sind und nie auf die Idee kämen auf eine Demo zu gehen, bis zu diesem Ereignis… dem Ereignis, dass das persönliche Fass zum überlaufen bringt. Genau, woran macht die Wut sich eigentlich fest? An den Banken? Es reicht nicht, die Banken als Wutobjekt auszumachen. Es ist unglaublich opportun gegen Banken und die Politik zu sein, aber solange es meine eigene kleine private Welt nicht beeinflusst. Wir wollen schimpfen gegen die Banken und gegen die Politik, aber wir wollen nichts wirklich verändern bzw. verstecken uns hinter dem „man kann ja eh nichts ändern“. Ich denke, dass die Veränderungssehnsucht für die Menschen schlicht zu gering ist. Wir glauben an die eigene kleine Welt und freuen uns, dass wir nicht zu den Verlierern gehören. Warum sollte ich mich für Demokratie und Gerechtigkeit in unserem Land einsetzen? Für mich wird es schon reichen.
  3. Es reicht auch nicht aus, andere Ideen aus Aussagen zu kopieren. Wenn Plakate hochgehalten werden, mit „wir sind die 99%“ dann mag das Solidarität mit der Occupy Wallstreet Bewegung ausdrücken,  es entfaltet aber keine Kraft für Deutschland, da wir hier andere Verhältnisse haben. Wir müssen unsere Slogans finden, unsere Themen zur Sprache bringen und diese dann durchaus in einen globalen Kontext bringen.

Die Revolution muss also noch warten. Aber vielleicht irre ich mich gewaltig, dann freue ich mich sehr.

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Leistung muss sich wieder lohnen

Guide Westerwelle hat sich geschickt in Szene gesetzt und den freien Fall der Umfragewerte seiner Partei gestoppt. Er schafft es zumindest täglich in den Nachrichtenschlagzeilen zu sein und wird in den Talkshows hoch- und runterdiskutiert. Populismus ist eben oft hilfreicher als solide, an den Realitäten orientierte Politik. Das gute daran ist, dass eine Diskussion in Gang gesetzt wird, wie es mit unseren sozialen Sicherungssystemen weitergehen kann und soll. Wenn es zu dieser Diskussion überhaupt kommt. In den medial zugelassenen 30 Sekunden ist eben oft keine grundlegende Situationsanalyse geschweige denn einen Blick ein positiver, gestaltender Blick in die Zukunft möglich. Guido Westewelle hat seinen Slogan gefunden: „Leistung muss sich wieder lohnen“! Prima Satz, kurz, griffig – da will ihm doch nicht wirklich jemand widersprechen. Und vor allem das sog. „bürgerliche“ Lager nickt ganz kräftig mit. Und von „bürgerlich“ zu „konservativ“ zu „christlich“ ist es ja auch nicht mehr so weit. Und dem bibelfesten konservativen Christen kommt dann auch gleich Paulus und sein „wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“ in den Sinn.

Das Dumme ist, dass nicht alles was konservativ und bürgerlich daher kommt auch gleich christlich oder biblisch sein muss. In der Westerwelle-HartzIV-Debatte wird das für mich deutlich.

Was ist denn eigentlich Leistung?

  • Wenn eine alleinerziehende Mutter drei Kinder großziehen muss?
  • Wenn ein körperlich Behinderter jeden Tag seinen Alltag in einer Welt gestalten muss, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes Steine in den Weg legt?
  • Wenn einem Mann seit 12 Monaten in 100-% Kurzarbeit verbringen muss und sich täglich neu motiviert, nicht den Glauben an sich und seine Möglichkeiten zu verlieren?
  • Wenn es einer gewagt hat, sich selbstständig zu machen und sich seit Jahren am Existenzminimum bewegt?
  • Wenn Menschen bereit sind, sich ehrenamtlich für Kinder und Jugendliche zu engagieren?
  • Wenn ein HartzIV-Empfänger bereits das 7. Bewerbertraining absolviert um zu zeigen, dass er bewerbungs- und arbeitswillig ist?
  • Wenn ein junger Mann ein stattliches Erbe erhalten hat und seine Langeweile auf dem Golfplatz vertreibt?
  • Wenn Menschen Tag für Tag von 8 bis 17 Uhr an ihrem Arbeitsplatz sitzen, obwohl sie innerlich gekündigt haben oder nur Dienst nach Vorschrift machen (was auf die allermeisten zutrifft)?
  • Wenn ein Unternehmen Mitarbeiter entlässt, um den Sharholder-Vaue zu steigern?
  • Wenn man genug Geld hat, um es im Ausland vor dem Finanzamt zu verstecken?

Leistung muss sich wieder lohnen! Genau! Welche Leistung meinen wir? Ja, wir brauchen einen gesellschaftlichen Diskurs darüber und auch darüber, was dann der „Lohn“ der Leistung ist. (Hilft da die Betrachtung der Lebensleistung von Herrn Westerwelle?)

Als Christ möchte ich mich diesen Fragen stellen und will da auch bewusst die Bibel mit zu Rate ziehen.

Was ist denn eigentlich christlich bzw. biblisch?

Was fällt uns zu dieser Thematik in Bezug auf obige Fragen ein? Ich möchte an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen, sondern zur Reflexion und Diskussion anregen. Die aktuelle Diskussion jedenfalls hat mich dazu ermutigt, an meiner theologischen Serie „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“ (bisherige Folgen 1, 2, 3, 4, 5, 6) weiter zu schreiben.

Ethische Diskussionen

Wir leben in einem Land in dem irgendwann die Grundlage dafür verloren ging, was nun ethisch wertvolles handeln ist und was dem widerspricht. Gerade in der Finanz- und Wirtschaftswelt wurde dieses Vakuum in den letzten Jahres doch sehr deutlich. Am 21. September 2009 bin ich Gastgeber einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema. Nähere Infos gibt es auf unserer Business-Seite.

Kinderstadt

Seit Sonntag läuft in Meiningen die Kinderstadt. Das Meininger Tageblatt begleitet dieses Projekt wie immer mit ausführlichen Berichten wie diesem. Bereits zum 4. Mal kann dieses Projekt starten und wie immer haben wir zwei Monate zuvor noch keinen Cent dafür und am Ende stehen die Finanzen. Dank Spendern wie DIR. Hier geht es zu den Bankdaten – viel Spaß beim Investieren in die nächste Generation.

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen (1)

Dieses berühmt-berüchtigte Zitat ist biblisch. Die Kommunisten sind ja nicht unbedingt bibelfreundlich, aber dieses Zitat fanden, die kommunistischen Väter dann doch so gut, dass es sogar Eingang in der Verfassung der Sowjetunion fand. Arbeit wurde somit „heilig“ gesprochen und zementierte ein Denken, das schon der asketische Protestantismus (Calvinismus) in das religiöse Gewissen in die Menschen hineingelegt hat und seitdem wissen wir alle: „Arbeit macht frei“.

Diese Koalition zwischen Kommunismus und praktiziertem Calvinismus konnte sich im Industriezeitalter sehr gut halten und das Ergebnis war, dass unsere Arbeit zu unserer Identität wurde.

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, wurde so zum nicht hinterfragbaren Leitsatz. Deshalb stört es heute, niemand, dass der Staat Milliarden dafür ausgibt, um zu überprüfen, ob Menschen, die vom Staat Geld bekommen, sich auch wirklich an dieses Prinzip halten. Und gerne sind wir dazu bereit, es diesen Menschen nicht „zu leicht“ zu machen, um an ihr Geld zu kommen, möglicherweise ist die Person nicht bedürftig, sondern nur faul! Faulheit können wir uns nicht leisten, und deshalb ist es uns natürlich einiges Wert.

Die kommunistische Herleitung möchte ich hier nicht weiter vertiefen. Ich will hier auf das biblische Verständnis von Arbeit eingehen, und behaupte: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ hat seine Bedeutung, ist aber nicht Kerngedanke biblischer Anthropologie.

Wir Christen tun uns oft so schwer ein weiteres Verständnis von Arbeit zu bekommen. Vor ein paar Tagen habe ich erwartungsvoll auf der Website der neugegründeten kleinen christlichen AUF-Partei gestöbert und wollte und bin auf ihre Auseinandersetzung mit dem Grundeinkommen gestoßen. Der Parteivorsitzende Dr. Weiblen schreibt:

Prof. Götz Werner fordert seit vielen Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dieser Grundansatz für ein transparentes und vereinfachtes Sozialsystem leuchtet inzwischen mehr und mehr
Politikern quer durch alle Parteien ein. […] Es spart Bürokratie, schafft Eigeninitiative und soziale Gerechtigkeit und markiert die Auffanglinie, unter die in unserem Staat niemand finanziell absinken kann. Das alles ohne die Notwendigkeit beschämender und ausgrenzender Prozeduren. Niemand wird stigmatisiert. Die soziale Sicherung durch Angespartes, Versicherungen und die gegenseitige Verantwortung in der Groß-Familie, dem Freundeskreis und der Nachbarschaft kommen
ergänzend hinzu.

AUF folgt allerdings den Leitlinien der Bibel. Wir wollen den Empfang des Grundeinkommens daran koppeln, dass sich die Empfänger in die Gesellschaft investieren und in der Regel 40 h pro Woche dafür arbeiten. Solche Investitionen können ehrenamtliche Tätigkeiten sein, die Unterstützung von alten Menschen, Nachhilfeunterricht, Mitwirkung in einem Verein, in Umweltprojekten, persönliche Aus- und Weiterbildung. Rentner, minderjährige Kinder sowie kranke Menschen erhalten das Grundeinkommen ohne Arbeitsleistung. Wir nennen deshalb unser Konzept „sozialverantwortliches“ oder „bedingtes“ Grundeinkommen. Neben dem Nutzen für die Gesellschaft wollen wir den Empfängern die Erfahrung der Sinnfindung durch Arbeit, das soziale Miteinander im Arbeitsteam, auch (An-)Forderung und Förderung, die beide mit einer geregelten Arbeit einhergehen, ermöglichen.

Eine andere christliche Stellungnahme findet sich hier und eine  (leicht überzogene) Übersetzung für den Normalmenschen hier.

Als Jesus-Nachfolger und Bibelliebhaber, kann ich jetzt einfach nicht weitermachen. Das stresst mich zu sehr. Ich muss jetzt erst mal Pause mache einen mehrteiligen Beitrag aus dem Post.

Der Calvinist in uns!

Worauf baut deine Arbeitsethik? Als Christ sagst du natürlich als erstes: natürlich auf das biblische Verständnis von Arbeit. Ist natürlich immer eine gute Antwort. An dieser Stelle möchte ich uns herausfordern:

Welche Bedeutung hatte Johannes Calvin für unsere heute (in weiten Teilen noch gesellschaftlich vorherrschende) Vorstellung von Arbeit?

Ich glaube, dass vieles von dem, was die christlichen Vorstellungen von Arbeit sind, stärker kulturell als biblisch geprägt sind, zumindest schwirren aber die Lehren des Herrn Calvin noch irgendwo im Hinterkopf herum. Kürzlich habe ich Max Webers „Die protestantische Arbeitsethik und der Geist des Kapitalismus“ gelesen. Brilliante Analyse. Herr Weber zeigt auf, welche Bedeutung der asketische Protestantismus für die Entwicklung des modernen Kapitalismus hatte. Nicht dass Herr Calvin an allem „Schuld“ war, aber der Calvinismus hat sicherlich einer kulturellen Entwicklung eine theologische Grundlage geboten.

Mit dem Ende der Industriegesellschaft, kommen wir mit dem Menschen- und Weltbild der Moderne nicht mehr weiter. Ich glaube deshalb zutiefst, dass wir uns wieder erlauben die Bibel mit einem frischem Blick zu lesen.

Hat der Schöpfer uns wirklich als Arbeitstiere geschaffen? Nein! Da ist noch mehr Gestaltungs- und Lebensraum für uns. Und jeder von uns kann seinen Platz in dieser Welt finden. Und deshalb glaube ich, dass das Grundeinkommen (siehe Eintrag von gestern) eine gute Grundlage für eine gesunde Entwicklung ist.

Weichenstellungen im Herbst

Der Herbst ist immer eine ganz spezielle Jahreszeit. Ich glaube, in Meiningen sogar die schönste. Wir haben schöne Parks und es tut der Seele gut, da zu spazieren, abzuhängen. Im Herbst, so ist es zumindest in den Sachen in denen ich drin stecke, Zeit, Weichen zu stellen. Die Jugendarbeit von People Movement ist sein einigen Monaten in der Verantwortung von zwei Jungen Männern aus unserer Gemeinschaft. Jetzt ist die Zeit die Weichen zu stellen, für die nächste Phase. Gestern abend hatten wir ein Starttreffen. Es ist genial, was passiert ist in den letzten Jahren und jetzt geht es weiter. Das ist sehr gut so. Es sind so viele Ideen und Gedanken da, so viele Möglichkeit neue Projekte anzustoßen und darin die zentrale Frage: Wie geht es weiter mit denjenigen Kindern und Jugendlichen mit denen wir Schritte gegangen sind, die weiter kommen wollen, mit denen wir in Beziehung stehen?

Die Konturen für das nächste Jahr bei der Pionierakademie werden jetzt auch klar. Im April werden wir Andreas Kielwein in Meiningen haben. Er gibt in 3 Tagen eine Einführung in die Kirchengeschichte und danach wird es noch eine Exkursion geben. Die September-Vorlesung wird dann eine Einführung in die Ekklesiologie mit Marcus Splitt.

Die nächste Tour steht auch an, die „Südtour“. Da habe ich Meetings und Gespräche in Ansbach, Karlsruhe und einige im Großraum Stuttgart. Freue mich sehr drauf, wieder mit diesen Leuten „unterwegs“ zu sein. Dieses Wochenende werden wir als Familie beim Delta-Treffen von Expansion-Networt dabei sein, da werden wir endlich mal wieder Leute treffen, die wir schon längere Zeit nicht gesehen haben. Und am Wochenende nach der Südtour werden die Hauptverantwortlichen von People Movement ihr Wochenende in Bad Liebenzell haben. Da werden auch wichtige Entscheidungen für die nächste Phase getroffen.

Vor Ort in Meiningen sind wir gerade mit relativ vielen Leuten unterwegs, die wir prägen, und coachen und in wichtigen Prozessen begleiten. Da trägt auch Damaris eine ganze Menge – wie sie ihre Verantwortlichen jongliert ist für mich sehr bewundernswert – meine Frau halt!!

In dieser Phase lerne ich gerade ganz neu zu beten. Es gibt so viel, wo ich merke, das kann ich niemals halten. Es ist so schön sich einzugestehen, dass Kapitulation vor Gott eine geniale und befreiende Sache ist. Ich brauche diese Ausrichtung und dieses Anlehnen an Gott gerade ganz neu. Ich sauge es gerade auch ganz neu auf in der Bibel zu lesen und mich ganz persönlich von Jesus ansprechen zu lassen.