Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen (2)

Im ersten Teil (ich gebe zu, dass das schon ein Weilchen her ist) habe ich behauptet, dass das biblische Zitat „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, das auch Eingang in die Verfassung der Sowjetunion bekam, durchaus seine Bedeutung hat, aber nicht als Kerngedanke biblischer Anthropologie gesehen werden kann.

Ich möchte dieses Zitat als Ausgangspunkt dieser Artikelserie nehmen, in der ich mich intensiver mit der biblischen Bedeutung von Arbeit und Arbeitslosigkeit auseinandersetze und auch versuchen werde ethische Ansatzpunkte für Antworten auf schwierige gesellschaftliche Fragen zu finden, in der einfache „christliche“ Antworten zu kurz greifen.

Zentral ist für mich die Auseinandersetzung um die Frage, was Arbeit mit dem Menschsein an sich zu tun hat. Es gilt also (theologische) Anthropologie in das Grundverständnis von Arbeit in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen . Mit dieser anthropologischen Dimension sind ethische Fragestellungen eng verbunden.Es reicht hier aber längst nicht, nur individualethische Aspekte zu diskutieren. Hier müssen wir Christen die „Entfremdung zwischen Kirche und Arbeitswelt“  (Helmuth Engelkraut) überwinden. Hier brauchen wir eine Sozialethik im Sinne einer Ethik der sozialen Ordnungen oder Institutionen, in denen der Mensch lebt. Ich glaube, dass christliche Ethik dazu einen entscheidenden Beitrag leisten kann.

Im nächsten Teil werde ich versuchen, das biblische Verständnis von Arbeit herauszuarbeiten.

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Ethische Diskussionen

Wir leben in einem Land in dem irgendwann die Grundlage dafür verloren ging, was nun ethisch wertvolles handeln ist und was dem widerspricht. Gerade in der Finanz- und Wirtschaftswelt wurde dieses Vakuum in den letzten Jahres doch sehr deutlich. Am 21. September 2009 bin ich Gastgeber einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema. Nähere Infos gibt es auf unserer Business-Seite.

Wann greift deine Ethik?

Wie bereits geschrieben, gehöre ich momentan nicht zu den schnellsten Bloggern in der Szene. Von einer interessanten Studie berichtet Heiko Ernst im Editorial der Januar-Ausgabe von Psychologie heute. Diese Studie ist denke ich nicht nur für Theologie-Studenten der Pioniarakademie interessant:

„Ein Student hastete die Straße entlang, als er plötzlich einen stöhnenden Mann in einer Seitengasse am Boden liegen sah. Der Student zögerte einen Augenblick, sah sich um – und ging eilig weiter. Er wusste nicht, dass er Versuchspseron in einem sozialpyschologischen Experiment war.

John Darley und Dan Batson von der Princeton University sichkten Theologiestudenten in ein mehrere Blocks entferntes Gebäude, um dort ein Referat zu halten. Einigen Studenten sagten sie, sie sollten sich beeilen, man erwarte sie bereits. Den anderen sagten sie, sie hätten genügend Zeit. Jeder einzelne Student kam an dem anscheinend verletzten Mann vorbei – in Wahrheit ein Schauspieler, der im Auftrag der Forscher agierte. Die Eiligen ließen ihn liegen, die Gemächlicheren kümmerten sich um ihn. Eine ironische Note erhielt das Experiment durch das Thema des Referats, das die Studenten halten sollten: Es ging um das Gleichnis vom barmherigen Samariter.

Eine scheinbar banale Erkenntnis: Wenn wir einen Termin haben, blenden wir andere Verpflichtungen aus. Wir müssen eben Prioritäten setzen im Leben, oder? Beunruhigend ist: Zeitdruck macht unbarmherzig, selbst dann, wenn man scih gerade intensiv mit dem Thema Mitleid und Hilfsbereitschaft beschäftigt hat. Und die Tendenz, alles der Uhr oder dem Kalender unterzuordnen, kann sich verfestigen und unser Verhalten unbewusst, aber umso nachhaltiger prägen. Nicht mehr die Situation, unser Charakter oder unsere Werte bestimmen das Handeln, sondern ein verinnerlichtes Zeitmuster. Wer beispielsweise überwiegend „schnell“ lebt, wer zukunftsorientiert immer schon das Nächste plant und bedenkt, hat meist keine Zeit mehr für die Gegenwart.“ (Psychologie Heute, Ausgabe Januar 2009, S. 3)

Ertappt? Ich schon. Beim Streben nach Zeiteffizienz und Abarbeiten meiner To-Dos (und dem ständigen Hinterherhinken) macht meinen Blick für das, was um mich herum passiert, schon ganz schön eng. Ob die Zeitmanagementgurus das mit Zeitsouveränität meinen?